Deutscher Bundestag

19.04.2026 | Eigenverantwortung, Solidarität, Sozialstaat.

Ist jeder seines Glückes Schmied!?

Meine Antwort lautet: ja und nein.

Ja, weil Menschen Chancen ergreifen, Verantwortung übernehmen und ihr Leben selbst in die Hand nehmen müssen.

Nein, weil diese Chancen nicht allen gleichermaßen offenstehen. Nicht jeder und nicht jede startet unter denselben Bedingungen. Deshalb geht es politisch und gesellschaftlich immer darum, Eigenverantwortung und Solidarität in ein gutes Gleichgewicht zu bringen. Genau dieses Gleichgewicht immer wieder neu auszutarieren, ist eine der zentralen Aufgaben von Politik.

Glück ist mehr als eine private Angelegenheit

Zunächst scheint Glück etwas sehr Individuelles zu sein. Und natürlich ist es das auch. Jeder Mensch verbindet etwas Eigenes damit: Zufriedenheit, Sicherheit, Gesundheit, gelingende Beziehungen und Zuversicht. Aber Glück ist eben nicht nur Privatsache.

Glück lässt sich, laut dem Weltglücksreport, nicht nur als persönliches Gefühl begreifen, sondern auch in gesellschaftlichen Zusammenhängen betrachten. In diese Bewertung fließen nicht nur materielle Faktoren ein, also nicht nur wirtschaftliche Unabhängigkeit oder Wohlstand. Es geht ebenso um wahrgenommene Lebensqualität, Gesundheit, Freiheit, Großzügigkeit und auch um die Wahrnehmung von Korruption. Glück hat also immer auch etwas mit den Rahmenbedingungen eines guten Lebens zu tun.

Ban Ki-moon, der ehemalige Generalsekretär der Vereinten Nationen, hat Glück einmal so beschrieben: Glück ist mehr als Wirtschaftswachstum und Umsatz. Es hat mit Mitgefühl, Gemeinwohl und nachhaltiger Entwicklung zu tun. Genau darin liegt für mich der entscheidende Punkt: Glück ist persönlich, aber es hat immer auch eine soziale und politische Dimension.

Eigenverantwortung heißt, das eigene Leben in die Hand nehmen

Wenn wir über Eigenverantwortung sprechen, geht es im Kern darum, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen. Dazu gehört, das eigene Leben aktiv zu gestalten, Entscheidungen zu treffen und nicht alles anderen zu überlassen. Um Entscheidungen treffen zu können braucht man natürlich auch Handlungsalternativen.

Eigenverantwortung zeigt sich aber nicht nur im Blick auf das eigene Leben. Manchmal zeigt sie sich gerade dann, wenn Verantwortung für das Gelingen von Gemeinschaft übernommen wird, selbst wenn man formal vielleicht gar nicht zuständig wäre.

Eigenverantwortung hat außerdem viel mit der eigenen Haltung zu tun. Zum Glück gehört oft die Fähigkeit, das halb volle Glas zu sehen. Das ist keine naive Schönfärberei, sondern eine innere Einstellung zum Leben. In diesem Punkt berühren sich Glück und Eigenverantwortung sehr unmittelbar.

Solidarität: das Gegenprinzip zum Egoismus

Neben der Eigenverantwortung steht die Solidarität. Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität sind die Grundwerte der SPD. Aber auch jenseits der Politik ist Solidarität ein zutiefst gesellschaftlicher Begriff.

Solidarität ist das Gegenteil von Egoismus, Eigennutz und Rücksichtslosigkeit. Sie ist ein Grundprinzip des Zusammenlebens. Sie beginnt im Kleinen – in der Familie, in einer Partnerschaft oder im Freundeskreis. Sie reicht aber weit darüber hinaus: bis in die Gesellschaft insgesamt, in die Bundesrepublik Deutschland, nach Europa und in die Welt.

Solidarisch kann man aber nur sein, wenn man sich miteinander verbunden fühlt. Solidarität braucht Empathie. Sie braucht das Bewusstsein, dass das eigene Leben mit dem anderer Menschen verknüpft ist.

Der Sozialstaat verbindet Solidarität und Eigenverantwortung

Damit bin ich beim dritten Begriff: dem Sozialstaat. Mit ihm beschäftige ich mich aus beruflichen Gründen jeden Tag. Und meine Grundthese ist: Der Sozialstaat organisiert für uns alle das Zusammenspiel von Eigenverantwortung und Solidarität.

In ihm wird ausgehandelt, was gerecht ist: Wie hoch soll der Mindestlohn sein? Was ist ein gerechtes Rentenniveau? Welche Unterstützung brauchen Menschen, damit Lebenschancen nicht vom Elternhaus oder vom Zufall abhängen? Genau um diese Fragen geht es.

Deshalb ist der Sozialstaat nicht einfach irgendein politisches Instrument. Er steht nicht umsonst im Grundgesetz (Artikel 20, Absatz 1): „Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat.“ Das ist ein hohes Gut, weil es Ausdruck einer solidarischen Gesellschaft ist.

Das ist für mich nichts Abstraktes. Ich bin Mitglied des Bundestags und Parlamentarische Staatssekretärin. Gleichzeitig bin ich jemand, der ohne Sozialstaat und ohne Solidarität heute nicht hier stehen würde.

Ich bin nicht auf Rosen gebettet zur Welt gekommen, sondern als Tochter einer sehr schnell alleinerziehenden Mutter von vier Kindern, die halbtags als Putzfrau gearbeitet hat. Meine Kindheit und Jugend waren früh von Armut und Ausgrenzung geprägt. Deshalb weiß ich, wie es sich anfühlt, wenn man am Wochenende nicht mit den Freundinnen ins Eiscafé fahren kann, weil das Geld nicht für einen Eisbecher ausreicht.

Das zeigte sich auch in Bildungsfragen. Nach der Grundschule bekam ich die Empfehlung für die Hauptschule. Später ging ich aufs Wirtschaftsgymnasium. Als Erste und Einzige in meiner Familie und in meiner Generation habe ich Abitur gemacht und studiert.

Und genau diese Biografie prägt meine politische Haltung. Sie ist mein Antrieb. Denn ich finde: Es soll nicht jeder so schwer haben. Und jedes Kind soll die Chance bekommen, das zu entfalten, was in ihm steckt.

Sozialstaat heißt mehr als Transferleistungen

Sozialstaat bedeutet deshalb für mich weit mehr als Sozialversicherung. Sozialstaat heißt auch Bildungspolitik, Kita-Betreuung, Mitbestimmung und Tarifbindung. Er betrifft alle Voraussetzungen, die Menschen brauchen, um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können.

Das habe ich auch von meiner Mutter gelernt. Arbeit war ihr sehr wichtig. Sie ist immer arbeiten gegangen, obwohl sie vom Staat genug Unterstützung bekommen hätte, wenn sie nicht gearbeitet hätte. Aber Arbeit ist eben mehr als Einkommen. Arbeit bedeutet auch, Teil einer Gemeinschaft zu sein, Anerkennung und Respekt zu erfahren und nach vorne blicken zu können. Auch das gehört für mich zum sozialen Fundament unserer Gesellschaft.

Grundsicherung und die Balance von Fördern und Unterstützen

Diese Grundfragen beschäftigen uns in Berlin ganz konkret, etwa bei der Reform der Grundsicherung. Auch dort geht es darum, Eigenverantwortung und Solidarität auszutarieren.

Es ist völlig klar: Jeder und jede soll das zum Gelingen beitragen, was möglich ist. Wer arbeiten kann, soll durch eigene Arbeit auch selbst für seinen Lebensunterhalt sorgen. Auch das ist ein Teil von Eigenverantwortung. Aber ebenso klar ist: Wenn Menschen nicht können, dann muss der Sozialstaat Solidarität organisieren und Unterstützung leisten.

Es gibt Menschen, die mit der richtigen Hilfe schnell wieder durch eigene Arbeit auf eigenen Füßen stehen können. Und es gibt Menschen, bei denen wir wissen, dass sie es nie oder wahrscheinlich nie ganz allein schaffen werden.

Wir müssen bei Reformen darauf achten, diese Menschen nicht einfach sich selbst zu überlassen. Gerade der soziale Arbeitsmarkt ist deshalb so wichtig, weil er mehr ermöglicht als bloße Geldleistungen. Er schafft Teilhabe. Und genau darum muss es gehen: Sozialpolitik darf sich nicht darin erschöpfen, einen Scheck zu verschicken, sondern muss gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen.

Ein klügerer Sozialstaat statt eines kleineren

Gleichzeitig steht unser Sozialstaat vor großen Herausforderungen: Er ist oft viel zu bürokratisch. Menschen müssen ihre Daten immer wieder neu angeben, zu verschiedenen Ämtern gehen, Formulare mehrfach ausfüllen und dieselben Unterlagen bei jedem weiteren Antrag erneut einreichen. Das überfordert nicht nur die Verwaltungen, sondern frustriert vor allem die Bürgerinnen und Bürger.

Bärbel Bas bringt es sehr gut auf den Punkt: Wir müssen unseren Sozialstaat nicht kleiner, sondern klüger machen. Die Daten sollen laufen, nicht die Menschen. Informationen sollten nur einmal abgegeben werden müssen und anschließend dort verfügbar sein, wo sie gebraucht werden.

Wer beispielsweise schon einmal eine Pflegestufe beantragt hat, weiß, wie belastend es sein kann, immer wieder nachweisen zu müssen, was längst bekannt ist. In manchen Fällen ist eine erneute Prüfung sinnvoll, in vielen anderen aber nicht. Das klingt nach einem technischen Detail, ist aber politisch hoch relevant. Denn ich glaube, dass Entfremdung vom Sozialstaat auch dadurch entsteht, dass er häufig bürokratisch, unübersichtlich und kompliziert geworden ist.

Deshalb haben wir uns im Rahmen der Sozialstaatskommission viel vorgenommen: Digitalisierung, die Nutzung künstlicher Intelligenz, die Zusammenführung von Leistungen und einfachere Verfahren. Das ist zentral, denn die Handlungsfähigkeit des Staates ist wichtig für das Vertrauen in Demokratie und Gemeinwesen.

Arbeit muss sich lohnen

Wenn wir über Sozialstaat sprechen, müssen wir auch über Arbeit sprechen. Denn Gerechtigkeit entscheidet sich nicht erst dort, wo der Staat korrigierend eingreift, sondern bereits auf dem Arbeitsmarkt.

Ich hatte das Glück, gemeinsam mit Andrea Nahles den gesetzlichen Mindestlohn verhandeln und einführen zu dürfen. Für mich war das die größte sozialpolitische Reform, die wir in der Bundesrepublik Deutschland in dieser Zeit auf den Weg gebracht haben. Wir haben damit eine klare Lohnuntergrenze eingezogen und gesagt: Wer 40 Stunden arbeitet, soll so viel verdienen, dass er oder sie nicht zusätzlich vom Staat abhängig wird.

Natürlich bleibt die Frage, wie hoch ein Mindestlohn jeweils sein soll, ein politischer und gesellschaftlicher Aushandlungsprozess. Entscheidend ist aber: Der Mindestlohn hat Arbeit insgesamt aufgewertet. Er hat untere Lohngruppen gestärkt und dazu beigetragen, dass es weniger Minijobs gibt.

Warum war dieser Eingriff notwendig? Weil in Deutschland die Tarifbindung zwischen 1995 und 2024 um rund 30 Prozent zurückgegangen ist. Das ist dramatisch – und mit skandinavischen Ländern, die auf 80 bis 90 Prozent kommen, nicht vergleichbar. Dort funktioniert die Lohnfindung viel stärker über Tarifverträge. Bei uns hat dieser Mechanismus in vielen Bereichen nicht mehr ausreichend funktioniert, deshalb musste der Staat handeln. Nicht aus Lust an Regulierung, sondern als Reaktion auf eine Realität, in der Löhne nach unten weggebrochen sind. Sonst hätten wir Niedriglöhne über den Sozialstaat mitfinanziert und das kann nicht Sinn des Sozialstaats sein.

Arbeit muss auch ein würdevolles Leben im Alter sichern können. Hinter der Rentenfrage steht letztlich die Frage: Kann ich im Alter, wenn ich nicht mehr erwerbstätig bin, trotzdem anständig leben? Das ist für mich eine zentrale Gerechtigkeitsfrage. Und selbstverständlich gehört zur Eigenverantwortung auch, dass man im Erwerbsleben Beiträge leistet. Aber ebenso gehört zur Solidarität, dass Alter nicht in Armut oder Würdelosigkeit münden darf.

Ein weiteres Beispiel ist das Bundestariftreuegesetz. Denn öffentliche Aufträge sollen nicht über den niedrigsten Preis indirekt Niedriglöhne belohnen. Wenn bei der Vergabe nur zählt, wer am billigsten anbietet, gewinnen häufig diejenigen, die ihre Beschäftigten am schlechtesten bezahlen. Damit geraten gerade die Unternehmen ins Hintertreffen, die ordentliche Löhne zahlen. Deshalb haben wir dieses Gesetz im Bund vor wenigen Monaten auf den Weg gebracht. Ich finde, das wäre auch für Baden-Württemberg ein wichtiges Signal.

Im Grunde ist es immer besser, wenn gute Löhne und faire Arbeitsbedingungen gar nicht erst durch Sozialstaat korrigiert werden müssen, sondern durch funktionierende Aushandlungsprozesse zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern entstehen.

Freiheit als Voraussetzung von Eigenverantwortung

An dieser Stelle möchte ich noch einen weiteren Begriff hinzufügen: Freiheit. Denn Eigenverantwortung setzt Freiheit voraus.

Wenn Menschen das Gefühl haben, dass sie trotz aller Anstrengung nicht vorankommen, dass sie ihre Lebenssituation nicht verbessern können, dann entsteht Frust und daraus kann auch ein demokratisches Problem werden.

Viele Menschen erleben genau das. Die Mieten sind massiv gestiegen. Lebensmittel sind durch die Inflation überproportional teurer geworden. Wenn dann trotz aller Bemühung keine echte Verbesserung möglich scheint, wird der Ruf nach Eigenverantwortung schnell hohl. Denn Verantwortung kann nur übernehmen, wer überhaupt Handlungsspielräume hat.

Deshalb gehört zur Eigenverantwortung immer auch die Frage, welche Freiheit Menschen tatsächlich haben. Wenn die äußeren Bedingungen ihnen diese Freiheit nehmen, dann kann man Eigenverantwortung nur eingeschränkt einfordern. Auch deshalb braucht es den Sozialstaat: nicht als Ersatz für Eigenverantwortung, sondern als Voraussetzung dafür, dass sie realistisch gelebt werden kann.

Fazit: Ja und nein

Deshalb bleibt meine Antwort auf die Ausgangsfrage, ob jeder seines Glückes Schmied ist: Ja und nein.

Ja, jeder Mensch muss Chancen, die sich bieten, ergreifen. Man muss sich anstrengen, Verantwortung übernehmen und etwas aus seinem Leben machen.

Aber nein, denn die Voraussetzungen dafür sind ungleich verteilt. Und für Menschen mit einer Biografie wie meiner sind die Bedingungen heute eher schwieriger als leichter geworden.

Deshalb braucht es die Solidarität der Vielen für diejenigen, die nicht von Anfang an unter Bedingungen aufwachsen, in denen Eigenverantwortung selbstverständlich gelernt und gelebt werden kann. Ich fordere Eigenverantwortung ein, aber ich weiß auch, dass sie nur dort wirklich eingefordert werden kann, wo die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ein Mindestmaß an Freiheit, Sicherheit und Teilhabe ermöglichen.

Am Ende wünsche ich mir Glück und Zufriedenheit für alle. Denn das ist die Voraussetzung dafür, dass wir Freude haben – nicht nur heute, an diesem schönen Sonntag, sondern auch sonst im Leben.

 

Diese Rede hat Katja Mast beim 105. Bietigheimer Tag am 19. April 2026 gehalten.